PORTRÄT 

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Eine Pianistin voller Willenskraft und künstlerischer Leidenschaft erringt internationale Anerkennung

Wer die Krankheitsfolgen der Multiplen Sklerose kennt, wird sich vorstellen können, welche Belastung dies für einen Künstler darstellen kann, der die höchste Stufe erreicht hat. Die russische Konzertpianistin Olga Bobrovnikova ist  in dieser Hinsicht ein Beispiel für alle, die mit dieser Krankheit leben. Seit mehr als fünf Jahren geht ihre internationale Karriere Hand in Hand mit dem Kampf gegen die MS. Für sie ist somit im Lauf der Jahre die Bekämpfung dieser Krankheit mit der eigenen  Karriere eine enge Verbindung eingegangen.
 
Olgas Lebensweg ist für sich genommen schon eine ununterbrochene Abfolge von Ereignissen und einschneidenden Erfahrungen.  Nach dem Diplomabschluss am Moskauer Konservatorium und dem Gnessins Institut sowie ihrer Heirat mit einem renommierten Geiger, nahm ihr Leben im Februar 1990 eine erste Wende.

Nachdem sie und ihr Gatte für ein Konzert im Brüsseler Palais des Beaux-Arts ein 5- Tage-Visum erhalten hatten, beschlossen sie, diese Gelegenheit zu ergreifen , um mit ihrem zweijährigen Sohn die damalige Sowjetunion zu verlassen. Ihr  Leben als Flüchtlinge in Belgien in den darauf folgenden Jahren war nicht einfach. Und das Ende des Jahres 2000 brachte erneut eine Wende, als Olga die Diagnose ihrer Krankheit  offenbart wurde.

Im Gespräch mit der Künstlerin stellten wir ihr folgende Fragen:

Wie hat dieses erschütternde Ereignis auf Sie gewirkt  und hat es Ihr Leben in neue Bahnen gelenkt ?

Olga Bobrovnikova : Mich offen zu meiner Krankheit zu bekennen, hätte bei meinen Gesprächspartnern Zweifel an meinen künstlerischen Fähigkeiten erwecken und mir alle Türen und Tore verschliessen können. Gerade davor aber habe ich mich nicht gescheut, weil ich helfen wollte, die MS-Forschung voranzubringen. Der Zufall hat es gewollt, dass im Mai 2003 auf Malta, als ich dort eine Konzert gab, ein europäisches Symposium über Multiple Sklerose stattfand. Ohne Zögern habe ich mich angeboten, für das Symposium zu spielen. Der harten Realität dieser Krankheit habe ich mich gegenübergesehen, als ich bei dieser Gelegenheit Menschen begegnet bin, die sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit befanden. Dies ist für mich ein grosser Schock gewesen, hat aber auch mein Engagement für den Kampf gegen MS ausgelöst.

Hat sich die Krankheit auf die Wahl der Stücke Ihres Repertoires ausgewirkt ?

Olga Bobrovnikova: Ich glaube, die Krankheit hat einen positiven Einfluss gehabt. Sie hat mich bewogen, es mir auf keinen Fall leicht zu machen und vielmehr technisch anspruchsvolle Stücke zu wählen. Bei der Suche nach solchen Stücken habe ich den völlig in Vergessenheit geratenen deutsch-russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts Paul August Pabst entdeckt. Dies war für mich wie eine Offenbarung. Jeder Konzertpianist, der Werke von Pabst interpretiert hat, wird Ihnen sagen, dass dies eine echte sowohl physische als auch geistige und seelische Herausforderung darstellt - das, was ich ein „Leistungsdreieck“ nenne.

Ihre zuletzt realisierten Vorhaben ?

O. Bobrovnikova : 2007 ist ein ganz besonderes Jahr für mich: vor genau 20 Jahren ist Jacqueline Du Pré im Alter von 43 Jahren einer  fulminant verlaufenden, keine Hoffnung auf ein Abklingen oder eine Behandlungsmöglichkeit lassenden        multiplen Sklerose (MS) erlegen. 2007 habe ich meine gesamte künstlerische Arbeit dem Gedenken an diese passionierte, wohl bedeutendste Cellistin des 20. Jahrhunderts gewidmet, d.h. meine Konzerte auf den Channel Islands, in England, Frankreich, Belgien, Neuseeland, Russland… sowie meine Komposition „Jackie op. 20“. Sodann habe ich die Stiftung „Mu-Sic“ für den gemeinsamen Kampf von Musik und Musikern gegen die Multiple Sklerose gegründet und erst vor kurzem mit einem russischen Verlag den Vertrag zur Veröffentlichung meines Buches „Das Tagebuch der Alexandra Petrovna Pabst oder Paraphrase auf ein Thema in Moll“ abgeschlossen.

 

Glasnost hat das Ende der Sowjetunion bedeutet. Sind sie dorthin zurückgekehrt ?

 O. Bobrovnikova : Ich hatte mir geschworen, nie wieder russischen Boden zu betreten. Und dann hat Paul Pabst mich im Dezember 2003 wieder dorthin gebracht, weil ich Nachforschungen über ihn anstellen wollte und eine private CD-Einspielung geplant hatte. Ich war tief berührt, Verwandte und Freunde wieder zu treffen und ein Land zu entdecken, das nicht wieder zu erkennen war. Im November 2004 bin ich erneut nach Moskau gekommen,  aber dieses Mal war ich eingeladen,  im Rahmen des Kampfes gegen die MS  4 Konzerte zu geben. In Russland ist die Lage für MS-Erkrankte katastrophal, eine Behandlung nur schwer zu erhalten. Es gibt etwa 250.000 Kranke oder sogar doppelt so viele, wenn man alle nichtdiagnostizierten Fälle hinzuzählt. Ich habe die Absicht, nach Russland zurückzukehren, um Weiteres zu unternehmen.

 

Was sind Ihre Vorhaben ?

O. Bobrovnikova : Es wäre viel zu lang, Ihnen all meine Termine und Einzelvorhaben aufzuzählen. Einiges aber liegt mir besonders am Herzen und dazu gehört mein Buch über  russische Komponisten des XIX. Jahrhunderts wie z.B. Tschaikowski, Rachmaninoff und natürlich Pabst, von dem ich neue Partituren in Arbeit habe. Sodann soll ein Film, der bei meiner zweiten Reise in Russland gedreht worden ist, fertiggestellt werden. An  Ideen fehlt es  mir nicht! Wie sagte Einstein doch: 
« Der Gedanke war verrückt, war er auch verrückt genug, um wahr zu sein ?».

 

 

 

 

Olga Bobrovnikova -"In the kitchen" stephenkennedy.com

 

   

 

 

 

 

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